
Wer in diesen Tagen durch X (ehemals Twitter) oder andere soziale Netzwerke scrollt, stößt regelmäßig auf ein vertrautes Muster: Nach Venezuela soll nun offenbar auch der Iran „befreit“ werden. Die Logik ist dabei erschreckend einfach und erschreckend borniert: Wo immer ein Regime als sozialistisch, islamisch oder einfach nicht westkonform gilt, wird es zum nächsten Kandidaten für „Demokratie-Export“ und „Menschenrechtsverbreitung“ erklärt.
Dem Narrativ das es im Iran um Frauenrechte und Menschenrechte geht, folgen leider auch immer wieder sogenannte Rechte und angebliche Patrioten.
Als bekennender Atheist, der Religionen grundsätzlich als „Opium fürs Volk“ betrachtet, muss ich vorwegnehmen: Kritik an religiösen und politischen Gesellschaftsordnungen ist natürlich legitim. Aber das, was derzeit in vielen rechten und konservativen Kreisen läuft, hat mit Kritik wenig, mit ideologischem Hass und politischer Kurzsichtigkeit dagegen sehr viel zu tun.
Nun aber zu den Fakten.
Der Westen und seine Erfolgsbilanz beim Thema Frauen- und Menschenrechte.
Schauen wir nur auf die jüngere Geschichte, nüchtern und ohne ideologische Denkmuster.
Afghanistan: Nach zwanzig Jahren Besatzung, Milliarden Dollar und Hunderttausenden Toten flüchten die westlichen Truppen im Eiltempo. Zurück bleiben die Taliban, stärker und mit deutlich größerem Rückhalt in der Bevölkerung als 2001.
Irak: Das Land mit einer der damals höchsten Frauen-Erwerbsquoten und Bildungsbeteiligung in der arabischen Welt wird „befreit“. Das Ergebnis? Aufstieg des IS, Zerfall staatlicher Strukturen, bis heute anhaltende religiöse und ethnische Gewalt.
Libyen: Vom stabilsten und sozial am weitesten entwickelten Land Nordafrikas zum gefallenen Staat mit Sklavenmärkten und Bürgerkrieg.
Syrien: Aus einem säkularen, multiethnischen Land wird ein Schlachtfeld, auf dem westliche und Golfstaaten jahrelang echte Kopfabschneider finanzierten und bewaffneten. Mittlerweile hocken diese in Regierungsverantwortung.
In keinem dieser Fälle wurden die angekündigten „Frauenrechte“ oder „Menschenrechte“ nachhaltig verbessert, dies war auch nie das Ziel. In den meisten Fällen wurden sie sogar dramatisch verschlechtert.
Nun soll also der Iran folgen?
Die westliche Berichterstattung zeichnet das Bild eines rückständigen, finsteren Ayatollah-Staates. Die Realität ist wie so oft viel komplexer:
Der Iran verfügt über eine der höchsten Akademikerquoten im Nahen und Mittleren Osten.
Frauen machen über 60 % der Studenten an Universitäten aus.
Der Iran verfügt über eine starke Bildung in Ingenieur-, Natur- und Medizinwissenschaften.
Er hat eine eigene Rüstungsindustrie inklusive Drohnen, Präzisionsraketen und Raumfahrttechnologie. Die Automobilindustrie gehörte vor den Sanktionen zu der größten im Nahen und Mittleren Osten.
Trotz massivster Sanktionen verfügt der Iran seit Jahrzehnten über eine weitgehend unabhängige Energie- und Industrieproduktion. Weitere Beispiele ließen sich aufzählen, würden aber die Länge des Artikels sprengen.
Natürlich ist der Iran kein westlicher Liberalstaat und das muss er auch nicht. Der Iran ist jedenfalls kein Land, das sich in der Steinzeit befindet, wie uns westliche Narrative gerne klarmachen möchten.
Ein Umstand der sehr wenigen Menschen bekannt ist.
Im Iran lebt die größte jüdische Gemeinde im Nahen Osten/Mittleren Osten außerhalb Israels. Es gibt Synagogen, koschere Läden, einen jüdischen Abgeordneten im Parlament. Der Iran ist antizionistisch, nicht antijüdisch! Auch das ist ein Unterschied, den man in der westlichen Debatte fast nie zur Kenntnis nimmt.
Die aktuellen Proteste gibt es. Die wirtschaftliche Not vieler Menschen ist real.
Nur wird fast nie thematisiert, dass die Hauptursache für Inflation, Währungsverfall und Versorgungsprobleme die jahrelangen, extrem umfassenden westlichen Sanktionen sind, vor allem gegen Öl, Banken und Technologieimport.
Genau dieses Muster kennen wir bereits aus der Geschichte.
- maximale wirtschaftliche Strangulierung
•daraus resultierende Unzufriedenheit & Proteste
•dann die Erzählung, das Regime sei am Ende und müsse weg
•zum Schluss militärische Einmischung
Fazit:
Es geht wie immer nicht um Frauenrechte und Menschenrechte.
Es geht um Geopolitik, Energierouten und Handelsrouten (Hormuzstraße!), Öl, Gas, BRICS-Integration (die die Sanktionen eines Tages mildern könnten) und nicht zuletzt darum, einen regional starken Gegenspieler Israels zu schwächen bzw. zu beseitigen.
Frei nach Jürgen Elsässer formuliert:
Wenn Amerikaner (und ihre Vasallen) von Menschenrechten sprechen, meinen sie in der Regel Schürfrechte.
Wer das nach über zwanzig Jahren Katastrophen-Ernte in Afghanistan, Irak, Libyen und Syrien immer noch nicht verstanden hat, dem ist vermutlich nicht mehr zu helfen.
Alexander Kurth
- Januar 2026