
Es betrifft meine Tochter, Auszubildende als MFA an der Uniklinik Leipzig
Azubis werden nicht übernommen, Mitarbeiter die in Rente gehen, werden nicht ersetzt.
Ein Skandal, Hoffnungslosigkeit und der Zusammenbruch im Gesundheitswesen, wegen Sparmaßnahmen, welche gefährliche Folgen nach sich ziehen.
„Und was wird aus uns?“ – Wenn Krankenhausreform Zukunftsangst macht
Sie lernen drei Jahre lang.
Sie stehen früh auf, arbeiten im Schichtbetrieb, erleben Krankheit, Angst, Schmerz und manchmal auch den Tod. Sie lernen, Verantwortung zu übernehmen, Menschen aufzufangen und trotz Stress freundlich zu bleiben.
Sie entscheiden sich ganz bewusst für einen Beruf im Gesundheitswesen.
Und dann, kurz vor dem Abschluss, kommt die Nachricht:
Keine Übernahme.
Nicht, weil die Leistungen schlecht wären.
Nicht, weil das Engagement fehlt.
Nicht, weil diese jungen Menschen nicht gebraucht würden.
Sondern weil gespart werden muss.
Für Auszubildende bedeutet eine solche Nachricht viel mehr als nur die Suche nach einem anderen Arbeitgeber. Sie trifft genau in eine Lebensphase, in der eigentlich etwas anderes beginnen sollte: Zukunft.
Nach drei Jahren Ausbildung wollten sie endlich ankommen. Ihr erstes richtiges Gehalt verdienen. Vielleicht ausziehen, eine Wohnung finanzieren, eine Familie planen oder einfach zum ersten Mal das Gefühl haben:
Jetzt habe ich es geschafft.
Stattdessen entstehen Fragen.
Wo werde ich nach meiner Ausbildung arbeiten?
Werde ich überhaupt eine Stelle finden?
Was passiert mit den Krankenhäusern?
Welche Bereiche werden geschlossen oder zusammengelegt?
Werden weitere Stellen gestrichen?
Und war meine Entscheidung für diesen Beruf überhaupt richtig?
Die Krankenhausreform und der enorme wirtschaftliche Druck auf Kliniken sind für junge Menschen keine abstrakten politischen Begriffe.
Für sie bekommen politische Entscheidungen plötzlich ein Gesicht.
Es ist das Gesicht einer jungen Auszubildenden, die im dritten Lehrjahr sitzt und nicht weiß, wie es nach ihrem Abschluss weitergeht.
Besonders bitter ist der Widerspruch: Seit Jahren hören wir vom Fachkräftemangel im Gesundheitswesen. Wir sprechen darüber, dass medizinisches Personal fehlt, dass Beschäftigte überlastet sind und dass wir dringend Nachwuchs brauchen.
Gleichzeitig erleben junge Menschen, dass Stellen nicht nachbesetzt werden oder dass Auszubildende nach ihrer Ausbildung keine Perspektive in dem Haus bekommen, in dem sie gelernt und gearbeitet haben.
Wie sollen wir junge Menschen für Gesundheitsberufe begeistern, wenn wir ihnen gleichzeitig das Gefühl geben, dass ihre Zukunft von der nächsten Sparrunde abhängt?
Natürlich braucht unser Gesundheitswesen Reformen. Strukturen müssen überprüft und finanzielle Mittel verantwortungsvoll eingesetzt werden. Aber eine Reform darf nicht dazu führen, dass ausgerechnet diejenigen ihre Sicherheit verlieren, die dieses Gesundheitssystem in den kommenden Jahrzehnten tragen sollen.
Denn hinter jeder gestrichenen oder nicht nachbesetzten Stelle steht ein Mensch.
Und hinter jedem Menschen stehen Hoffnungen.
Eine Ausbildung ist nicht nur ein Vertrag über drei Jahre. Junge Menschen investieren Zeit, Kraft und Vertrauen. Sie lernen einen Beruf, weil sie davon ausgehen, dass dieser Beruf ihnen eine Zukunft ermöglicht.
Gerade deshalb macht die derzeitige Entwicklung vielen Auszubildenden Angst.
Nicht nur die Angst vor Arbeitslosigkeit.
Es ist die Angst davor, keinen festen Platz zu finden. Die Angst, nach all der Anstrengung wieder ganz am Anfang zu stehen. Die Angst vor immer größerer Arbeitsverdichtung, wenn ausscheidende Mitarbeiter nicht ersetzt werden. Und die Sorge, dass irgendwann immer weniger Menschen immer mehr leisten müssen.
Dabei brauchen wir genau diese jungen Menschen.
Wir brauchen ihre Hände.
Wir brauchen ihr Wissen.
Wir brauchen ihre Motivation.
Und vor allem brauchen wir ihre Bereitschaft, Verantwortung für andere Menschen zu übernehmen.
Wer heute beim Nachwuchs spart, darf sich morgen nicht darüber wundern, wenn dieser Nachwuchs dem Gesundheitswesen den Rücken kehrt.
Krankenhausreform darf deshalb nicht nur eine Diskussion über Finanzierung, Fallzahlen und Strukturen sein.
Sie muss auch eine Diskussion darüber sein, welches Gesundheitssystem wir unseren Kindern hinterlassen wollen – und welche Zukunft wir den jungen Menschen anbieten, die bereit sind, darin zu arbeiten.
Denn vielleicht lautet die wichtigste Frage am Ende gar nicht:
„Was können wir uns noch leisten?“
Sondern:
„Was kostet es uns morgen, wenn wir heute diejenigen verlieren, die unsere Krankenhäuser am Laufen halten sollen?“
Unsere Auszubildenden brauchen nicht nur Dankesworte.
Sie brauchen eine Perspektive.
Sie brauchen Sicherheit.
Und sie brauchen das Gefühl, dass ihre Entscheidung für einen sozialen und medizinischen Beruf auch von unserer Gesellschaft etwas wert ist.
Denn hinter der Krankenhausreform stehen nicht nur Zahlen.
Dahinter stehen junge Menschen – und ihre Zukunft.
Herzlichst Schwester Anja






