
Ein Gastbeitrag den wir gerne veröffentlichen.
Wo genau soll hier eigentlich der Skandal sein?
Bei einer Veranstaltung in Dessau-Roßlau stimmte Uwe Steimle „Auferstanden aus Ruinen“ an, Tino Chrupalla sang teilweise mit, und anschließend wurde auch noch die heutige deutsche Nationalhymne gesungen. Chrupalla ist selbst in der DDR aufgewachsen. Was soll daran verboten, verwerflich oder gar eine Verherrlichung der SED-Diktatur sein? Nichts. Es wird nur wieder künstlich ein Skandal gebaut, weil einige offenbar keine Gelegenheit auslassen können, Mitteldeutsche zu belehren und ihnen vorzuschreiben, wie sie ihre eigene Herkunft zu betrachten haben.
„Auferstanden aus Ruinen“ ist nicht verboten. Das Lied ruft weder zum Schießbefehl noch zum Mauerbau oder zur politischen Verfolgung auf. Es entstand nach einem zerstörerischen Krieg und sprach von Frieden, Wiederaufbau und „Deutschland, einig Vaterland“. Ausgerechnet diese Zeile passte der DDR-Führung später nicht mehr, weshalb die Hymne jahrzehntelang bei offiziellen Anlässen praktisch nur noch ohne Text gespielt wurde. Während der friedlichen Revolution wurde die Einheitszeile erneut aufgegriffen. Wer in diesem Lied heute ausschließlich die SED-Diktatur sehen will, verschweigt bewusst seine Geschichte und seinen eigentlichen Inhalt.
Ja, die DDR war eine Diktatur. Das weiß ich nicht aus einem Schulbuch, nicht aus einer westdeutschen Fernsehdokumentation und auch nicht aus den Erzählungen irgendwelcher selbsternannter DDR-Experten. Ich habe 24 Jahre in diesem Staat gelebt. Ich habe seine Einschränkungen selbst erlebt und bin 1989 selbst gegangen. Aber ich lebe inzwischen seit mehr als dreieinhalb Jahrzehnten in diesem anderen System, das sich freiheitliche Demokratie, soziale Marktwirtschaft oder freie Gesellschaft nennt. Ich bin heute 61 Jahre alt, habe beide deutschen Systeme am eigenen Leib erlebt und brauche deshalb niemanden, der mir erklärt, welches davon ich vergleichen darf und welches nicht.
Mit dem Wissen von heute sage ich ganz offen: Die beiden Systeme sind einander näher gekommen, als es die selbstgerechten Verteidiger dieses heutigen BRD-Systems jemals zugeben würden.
Natürlich sind die Methoden nicht dieselben. Heute stehen keine Wachtürme an der Staatsgrenze und niemand bestreitet das Unrecht des Schießbefehls. Aber eine Diktatur erkennt man nicht ausschließlich an Betonmauern, Uniformen und Stacheldraht. Man erkennt sie auch daran, wie ein Staat mit abweichenden Meinungen umgeht, wie er Grundrechte behandelt, welchen Druck er auf seine Bürger ausübt und ob die Menschen wirklich noch frei entscheiden dürfen oder nur noch zwischen Gehorsam und persönlichen Nachteilen wählen können.
Genau das haben wir während Corona erlebt. Grundrechte wurden nicht nur theoretisch berührt, sondern Ausgang, Kontakte, Versammlungen, Berufsausübung und gesellschaftliche Teilhabe wurden durch staatliche Vorgaben eingeschränkt. Menschen wurden voneinander getrennt, Sterbende waren teilweise ohne ihre Angehörigen, Kinder wurden über Monate mit Angst und Schuld belastet, Selbständige verloren ihre Existenz und Arbeitnehmer standen unter gewaltigem Druck. Nicht jeder wurde mit körperlicher Gewalt zur Impfung gebracht. Viele wurden aber faktisch vor die Wahl gestellt: Impfung oder Arbeitsplatz, Impfung oder gesellschaftliche Teilhabe, Impfung oder dauernde Ausgrenzung. Wer das heute als vollkommen freiwillige Entscheidung verkauft, verhöhnt alle, die diesen Druck selbst erlebt haben.
Dass Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen erhebliche Eingriffe in Grundrechte darstellten, ist nicht einmal strittig; gestritten wurde darüber, ob diese Eingriffe verhältnismäßig waren. Und genau hier liegt mein Vergleich mit der DDR. Ich vergleiche nicht einfach eine Spritze mit einer Gewehrkugel. Ich vergleiche staatlichen Zwang mit staatlichem Zwang und die Menschen, die dadurch zu Opfern wurden. Wenn über die DDR gesprochen wird, zählen wir zu Recht nicht nur diejenigen, die unmittelbar an der Mauer starben. Wir zählen politische Gefangene, beruflich Benachteiligte, enteignete Menschen, zerstörte Familien, aus Schulen und Universitäten Gedrängte und alle, deren Lebensweg wegen ihrer Haltung beschädigt wurde. Aber sobald es um Corona geht, soll der Opferbegriff plötzlich nur noch für einen zweifelsfrei obduzierten und gerichtlich bestätigten Impftoten gelten. Diese doppelte Buchführung akzeptiere ich nicht.
Dem Paul-Ehrlich-Institut wurden bis Ende 2024 insgesamt 350.868 Verdachtsfälle nach Coronaimpfungen gemeldet, darunter 63.909 als schwerwiegend eingestufte Fälle. Nach Bereinigung von Duplikaten wurden 3.086 Verdachtsmeldungen mit tödlichem Ausgang ausgewertet. Eine Verdachtsmeldung beweist für sich allein keinen ursächlichen Zusammenhang, und genau das sage ich ausdrücklich dazu. Aber sie ist auch nicht bedeutungslos. Wer sämtliche Betroffenen einfach wegwischt, weil nicht bei jedem Einzelnen die Ursache behördlich bewiesen werden konnte, betreibt keine Wissenschaft, sondern Verdrängung. An der Berliner Mauer starben nach Angaben der Stiftung Berliner Mauer mindestens 140 Menschen. Bereits die Zahl der gemeldeten schwerwiegenden Verdachtsfälle und auch die Zahl der Meldungen mit tödlichem Ausgang liegt also um ein Vielfaches darüber.
Hinzu kommen all jene, die bis heute mit schweren gesundheitlichen Beschwerden leben, die ihre Arbeit verloren, wirtschaftlich zerbrochen oder wegen ihrer Entscheidung aus Familie, Freundeskreis und Gesellschaft ausgegrenzt wurden. Sie tauchen in keiner einfachen Todesstatistik auf. Trotzdem sind sie für mich Opfer einer Politik, die Grundrechte zur Verhandlungsmasse machte und den Bürgern erklärte, welcher medizinische Eingriff angeblich solidarisch und moralisch richtig sei. Mit diesem vollständigen Opferbegriff liegt die Zahl für mich weit über der Zahl der Mauertoten. Genau das ist mein Vergleich. Nicht Tod gegen Tod und nicht Kugel gegen Spritze, sondern staatliches Unrecht, staatlicher Druck und seine Folgen für Menschen.
Wer heute behauptet, so etwas könne in einer Demokratie grundsätzlich nicht geschehen, hat offenbar nichts aus der Geschichte gelernt. Auch die DDR trug das Wort „demokratisch“ im Staatsnamen. Ein politisches System wird nicht dadurch demokratisch, dass es dieses Wort ständig wiederholt. Heute wird der Bürger unter Schlagworten wie Klimarettung, Haltung, Solidarität, Vielfalt, Gender- und Identitätspolitik, Feminismus, Kriegstüchtigkeit, Kampf gegen Desinformation und Schutz der Demokratie täglich neu auf Linie gebracht. Wer widerspricht, wird immer seltener sachlich widerlegt. Er wird als unsolidarisch, rückständig, extremistisch, wissenschaftsfeindlich oder demokratiegefährdend abgestempelt. Erst wird der Begriff festgelegt, dann wird die richtige Haltung dazu verordnet und schließlich wird jeder moralisch aussortiert, der nicht mitmarschiert.
Die neue Mauer braucht keinen Beton mehr. Sie entsteht in den Köpfen. Sie besteht aus Angst, Sprachvorgaben, medialer Dauerbelehrung, digitaler Kontrolle, beruflichen Konsequenzen, Kontosperrungen, Ausgrenzung und der ständigen Einteilung der Bürger in gute und schlechte Demokraten. Das ist für mich der Aufbau einer neuen Form von Diktatur direkt vor unseren Augen. Sie kommt nur moderner daher. Sie trägt keinen grauen Uniformrock, sondern spricht von Toleranz, Verantwortung und Menschlichkeit, während sie immer weniger Toleranz gegenüber abweichenden Gedanken zeigt.
Und ich sage es so deutlich, wie ich es empfinde: Müsste ich mit meinem heutigen Wissen noch einmal zwischen beiden Systemen wählen, würde ich lieber wieder eine Mauer zwischen mir und diesem heutigen BRD-System ziehen und mich auf die andere Seite stellen. Nicht weil ich Stasi, politische Haft, Mauer oder Schießbefehl zurückhaben möchte. Ich kenne das Unrecht der DDR aus eigener Erfahrung. Aber ich kenne inzwischen auch die Heuchelei dieses Systems lange genug. Freiheit ist für mich nicht, alle paar Jahre ein Kreuz zu setzen und in der Zwischenzeit nur noch das denken, sagen und entscheiden zu dürfen, was Politik, Medien und große Institutionen gerade als richtig erklären.
Auch beim Zwei-plus-vier-Vertrag ist inzwischen Bewegung in die öffentliche Debatte gekommen. Er gab dem vereinten Deutschland die volle Souveränität und ist formell nicht aufgekündigt. Dmitri Medwedew hat seine Gültigkeit jedoch öffentlich infrage gestellt und Deutschland Vertragsverletzungen vorgeworfen. Eine einseitige Loslösung wäre nach Einschätzung der Wissenschaftlichen Dienste des Bundestages grundsätzlich nicht ohne Zustimmung aller Vertragsparteien möglich. Was aus diesem Streit noch entsteht, bleibt abzuwarten. Dass Deutschland durch seine eigene Politik genügend Anlass für neue Konflikte geschaffen hat, ist jedenfalls meine Überzeugung.
Und vor diesem gesamten Hintergrund soll nun ausgerechnet das gemeinsame Singen von „Auferstanden aus Ruinen“ der große Skandal sein? Nein. Der eigentliche Skandal ist eine Gesellschaft, die ständig Vielfalt predigt, aber nicht einmal die Erinnerungen, Erfahrungen und Biografien von Millionen Mitteldeutschen deutschen aushält.
Man kann die DDR als Diktatur bezeichnen, ihre Verbrechen klar benennen und trotzdem dieses Lied singen. Man darf seine Herkunft annehmen, ohne jedes Unrecht des damaligen Staates zu verteidigen. Und man darf die heutige Bundesrepublik mit der eigenen Lebenserfahrung vergleichen, ohne sich von Menschen den Mund verbieten zu lassen, die nur eines der beiden Systeme erlebt haben.
Tino Chrupalla hat mit dem Mitsingen der früheren DDR-Hymne keinen Staat verraten und keine Mauer errichtet. Er hat ein Stück ostdeutscher Geschichte nicht verleugnet. Wer daraus eine Verherrlichung der Diktatur konstruiert, will keine ehrliche Aufarbeitung. Er will wieder einmal bestimmen, was Ostdeutsche erinnern, denken, fühlen und singen dürfen. Und genau diese Bevormundung ist ein Teil des Problems, das diese selbsternannten Verteidiger der Demokratie bis heute nicht begriffen haben.
Sven Hofmann







