
Wir sind letzte Nacht Zeugen einer Wende geworden, die man nur als historisch bezeichnen kann und die man vielleicht alle dreißig, vierzig Jahre einmal erlebt. Die Maueröffnung 1989 war so ein Ereignis (auch wenn wir es heute besser wissen), ein anderes die Auflösung der Sowjetunion 1991.
Aber diesmal war Größeres im Spiel, und jeder kann das nachvollziehen, der etwas sensibler ist: das iranische Volk ging bis an die Grenzen dessen, was Menschen möglich ist. Hunderttausende waren bereit, Brücken, Kraftwerke, lebenswichtige Infrastruktureinrichtungen mit dem eigenen Leben zu schützen, nachdem Trump und sein Verbündeter Israel ihren Verbrecherplan angekündigt hatten, die Lebensgrundlagen der Iraner zu zerstören. Trump, offenbar nur noch Getriebener satanischer Kräfte und Einflüsterungen, hatte unverhohlen mit dem „Ende einer ganzen Zivilisation“ gedroht. Die Iraner waren bereit, sich zum Opfer zu bringen. Gott hat sie erhört. Wer will, mag in dieser Nacht ein Wunder sehen.
Die Iraner haben sich in den letzten Wochen als das Heldenvolk unserer Zeit zu erkennen gegeben. Wer hätte erwartet, daß sie den hochgerüsteten Militär- und Atommächten USA und Israel fünf Wochen lang die Stirn bieten würden? Daß sie sich am Ende behaupten würden? Das Unvergleichliche ist vor unseren Augen geschehen.
Die Folgen sind noch kaum abzusehen. Der Große Satan wurde vor den Augen der Welt gedemütigt. Auf dem Tisch liegen nun die Forderungen aus Teheran, die Grundlage der bevorstehenden Waffenstillstandsverhandlungen sind: vollständiger Abzug aller US-Streitkräfte aus der Region; vollständige Freigabe aller im Ausland eingefrorener iranischer Vermögenswerte; die Freigabe der Straße von Hormuz zu iranischen Bedingungen; die Festschreibung dieser Bedingungen in einer völkerrechtlich bindenden UN-Resolution. Wenn sich die Iraner damit durchsetzen können, gehen sie als Sieger vom Platz. Als neue Regionalmacht. Und als vollwertiges Mitglied der Völkergemeinschaft, das nach 47 Jahren mörderischer Sanktionen des „Wertewestens“ erhobenen Hauptes seine Ketten gesprengt hat. Nota bene: erst dieser Tage rief der US-Politikwissenschaftler Prof. John J. Mearsheimer in Erinnerung, daß US-Sanktionen in den letzten 50 Jahren 38 Millionen Tote verursacht haben.
38 Millionen.
Wenn der Frieden, der jetzt ausgehandelt wird, hält, dann werden künftige Historiker von hier an den Beginn der neuen Ordnung des 21. Jahrhunderts datieren, in der die Welt aufgehört hat, nach der Pfeife des Westens zu tanzen. Die USA, die in ihrer ureigensten Domäne, der militärischen, gedemütigt wurden, sind fortan ein zahnloser Tiger. Die Welt wird, bis auf die restlos entkernten, impotenten Europäer, keinen Respekt und keine Furcht mehr vor ihnen haben. Ihre Zeit ist vorbei, und es ist gut so.
Ich gebe zu, daß ich diese Zeilen nicht ohne Rührung und Erschütterung schreibe. Ich kenne Iran aus eigener Anschauung, ich kenne und achte seine fünftausendjährige Kultur, die zu den reichsten und schönsten der Welt zählt. Sie ist unserer eigenen durch tausend feine, untergründige Kanäle verbunden; bekanntlich sind die Iraner ein arisches Brudervolk. Dem deutschen Reisenden sagen sie es auf Schritt und Tritt, weil es ihnen wichtig ist.
Zur Stunde kennt in den Straßen und Städten des Landes der Freudentaumel keine Grenzen. Ein Volk hat der Welt bewiesen, daß die Verbrecherherrschaft USraels kein Naturgesetz ist. Man kann sie in ihre Schranken weisen. Man kann ihr die Larve vom Gesicht reißen. Es lohnt, zu kämpfen. Es lohnt, für das Opfer bereit zu sein. Wann werden wir als Deutsche so weit sein?
Ich möchte keine Kassandra sein. Der große Satan wird keine Ruhe geben. Er braucht den großen Krieg, das große Abschlachten, das in der letzten Nacht noch einmal verhindert wurde. Die Iraner sind derzeit der Katechon, der Verhinderer, der sich am Ende der Zeiten der Heraufkunft des Antichrist noch einmal für kurze Zeit entgegenstellt. Man kann das als Hirngespinst abtun. Aber eigentlich genügt es, nur die Augen aufzumachen. Man kann nichtsdestotrotz gerade sehr, sehr glücklich sein.
Karl Richter

























