
Schweiz auf Abwegen: Fast 71 Prozent gegen
strikte Neutralität
Bern. Ein
folgenschwerer Schlag gegen die Schweizer Neutralität – besonders folgenschwer
deshalb, weil er diesmal nicht von der Berner Regierung, sondern vom
eidgenössischen Souverän selbst ausgeht: dieser hat sich am letzten
Septembersonntag mit deutlicher Mehrheit gegen die sogenannte
„Neutralitätsinitiative“ ausgesprochen, die eine strikte Einhaltung der
Schweizer Neutralität zum Ziel hatte. Nach der ersten Hochrechnung des
Umfrageinstituts gfs.bern lehnten aber rund 71 Prozent die Initiative ab.
Der Vorstoß
hätte die Schweizer Außen- und Sicherheitspolitik erheblich stärker an das
Neutralitätsgebot gebunden, als dies derzeit der Fall ist. Die
Eidgenossenschaft befindet sich seit einigen Jahren auf einem stillschweigenden
Annäherungskurs an NATO und EU, was der seit 1815 verfolgten strikten
Neutralität des Landes entgegensteht; so ist die Schweiz etwa seit 2023
Beobachterin bei der Ukraine Defence Contact Group. Den meisten Schweizern ist
das nicht bekannt.
Die Neutralitätsinitiative
wurde von der Organisation „Pro Schweiz“ getragen, die der rechtskonservativen
Schweizerischen Volkspartei (SVP) nahesteht. Ihr Ziel war es, eine besonders
strikte Auslegung der Neutralität in der Bundesverfassung festzuschreiben.
Vorgesehen waren ein ausdrücklicher Verzicht auf Verteidigungsbündnisse und
eine weitgehende Zurückhaltung bei Sanktionen gegen Staaten, die an einem Krieg
beteiligt sind. Ausnahmen sollte es nur für Maßnahmen geben, die vom
UN-Sicherheitsrat beschlossen wurden.
Auslöser für
die Initiative ist vor allem die Entscheidung der Berner Regierung nach Beginn
des Ukrainekrieges im Februar 2022. Die Schweiz übernahm damals nach
anfänglicher Zurückhaltung weitgehend die Rußland-Sanktionen der EU. Die
Initiatoren wollten verhindern, daß eine solche Politik künftig mit dem
Neutralitätsgrundsatz vereinbar ist.
Befürworter der
Initiative argumentierten mit der nationalen Sicherheit. „Die Sicherheit in
unserem Land ist heute massiv gefährdet worden“, kommentierte Walter Wobmann,
Präsident des Initiativkomitees, das Stimmergebnis. Und der frühere
SVP-Spitzenmann Christoph Blocher, ein Urgestein der eidgenössischen Politik,
vertritt die Auffassung, Rußland würde bei einem Krieg gegen europäische
Staaten nur dann an der Schweizer Grenze Halt machen, wenn die Schweiz strikt
neutral bleibe.
Das Nein-Lager
macht dagegen einen größeren außenpolitischen und wirtschaftlichen Handlungsspielraum
geltend. Die Völkerrechtlerin Helen Keller bezeichnet die EU-Sanktionen als
Instrument, mit dem Staaten auf schwere Verstöße gegen das Völkerrecht
reagieren könnten. „Neutralität ist kein Freipaß, wegzuschauen“, argumentiert
sie.
Die Schweiz muß
nach dem Neutralitätsprinzip auf eine Beteiligung an Kriegen grundsätzlich verzichten
und darf keinen militärischen Bündnissen beitreten. Die Initiative hätte diese
Grundsätze zusätzlich auf internationale Kooperationen und Sanktionen
ausgedehnt. Raphaël Bez von der Europäischen Bewegung Schweiz hielt dagegen:
„Wer erst im Krisenfall nach Partnern sucht, kommt zu spät.“ Seine Organisation
befürwortet einen Beitritt der Schweiz zur Europäischen Union. Dieser wird seit
Jahren von einer wachsenden Mehrheit des Berner Polit-Establishments verfolgt,
wie etwa die weitgehende Unterwerfung der Schweiz im Bereich der
Personen-Freizügigkeit und des Außenhandels unter die Vorgaben aus Brüssel
zeigt. Schon zeichnet sich das Tauziehen um das dritte Paket bilateraler
Verträge mit der Europäischen Union (EU) (Bilaterale III) ab. Auch das geplante
Gesundheitsabkommen mit Brüssel würde Basel einen weiteren herben Souveränitätsverzicht
abnötigen.
Ernüchternd ist
bei alledem, daß offenbar auch eine Mehrheit der Schweizer Bevölkerung diesen
Kurs inzwischen mitträgt und so die traditionelle Neutralität des Landes
stillschweigend zu Grabe trägt.










