Entscheidung Iran

Gastbeitrag von Karl Richter

Der 28. Februar 2026 wird im Rückblick als der Tag erscheinen, der vieles verändert hat. Er wird als großer Schritt in die Barbarisierung der internationalen Ordnung in die Geschichte eingehen. Als Tag, an dem die USA und Israel das Völkerrecht endgültig begruben.

Iran ist seit Jahrzehnten der Paria der Welt. Das Land wurde schon in den 50er-Jahren von den USA mit Sanktionen belegt, als der Schah-Vorgänger Mossadegh die Ölindustrie verstaatlichte. Seit 1979 ist das Sanktionsregime permanent. Seit 2018, während Trumps erster Amtsperiode, unterliegen die iranischen Ölexporte sogar einem Totalembargo. Die Auswirkungen treffen vor allem die Bevölkerung.

Der derzeitige Krieg hat mithin eine lange Vorgeschichte, die sich letztlich auf zwei zentrale Momente zusammenkürzen läßt: Öl und die geostrategische Bedeutung des Landes. Fällt heute Iran, dann fallen morgen Rußland und China. Das iranische Hochland ist die entscheidende Klammer der eurasischen Landmasse. Fassen die USA hier Fuß, liegen ihnen alle Wege nach Rußland, China und zur Beherrschung des eurasischen Großkontinents offen. Und nicht zuletzt: der große Satan duldet keine Länder, die ihm die Stirn bieten. Dabei ist Widerstand gegen die westliche Massenmörder- und Pädophilen-Ordnung mehr denn je geboten. Der russische Geopolitiker Alexander Dugin formulierte jüngst mit Blick auf die Epstein-Files (über die plötzlich niemand mehr spricht!) völlig richtig: „Die westliche Welt ist zusammengebrochen. Kein einziger westlicher politischer Führer, ob in den USA oder der Europäischen Union, behält irgendeine moralische Autorität. Das ist ein Coming-out: praktisch der gesamte globale Westen erscheint als pädophile satanische Organisation. Es ist das Ende jedes Anspruchs auf Führung.“

Umso abartiger mutet der selbstherrliche, von keinerlei Rücksichten gehemmte Angriff der letzten Tage an, von dem US-Verteidigungsminister Hegseth allen Ernstes behauptet, die USA hätten den Krieg nicht begonnen, sondern beendeten ihn. Beim Angriff selbst machten sich Amerikaner und Israelis Geheimdienstdaten zunutze, wonach sich die iranische Führungsspitze in einem Gebäudekomplex in Teheran versammeln würde, in dem die Büros des Präsidenten, des Obersten Führers Ali Khamenei und des Nationalen Sicherheitsrates untergebracht sind. 30 Bomben trafen das Gebäude. Khamenei, 86 Jahre alt und seit fast vier Jahrzehnten geistliches Oberhaupt der Islamischen Republik, fand den Tod. Mit ihm starben der Vorsitzende des nationalen Verteidigungsrats, der Anführer der Revolutionsgarden, der Verteidigungsminister und der Generalstabschef, außerdem mindestens zwei Dutzend weiterer hochrangiger Militärs und Entscheidungsträger; von der Auslöschung einer Mädchenschule in der Stadt Minab mit 180 getöteten Kindern und Lehrern nicht zu reden. Die gezielte Ermordung der gegnerischen Staatsführung kommt einem Zivilisationsbruch gleich. Rußland hat sich dazu in vier Jahren Ukrainekrieg nicht hinreißen lassen.

Donald Trump, der versprochen hatte, die endlosen US-Kriege zu beenden, hat am Samstag die letzten Masken fallen lassen. Er versprach, das iranische Raketenarsenal dem Erdboden gleichzumachen, und drohte mit schlimmster Vergeltung, sollte Iran auf die Ermordung Khameneis reagieren. Kennen wir: die Angegriffenen sollen sich noch nicht einmal wehren dürfen und sich lieber mucksmäuschenstill abschlachten lassen. Eine ähnliche Forderung richtete die NATO 1999 an das von ihr überfallene Jugoslawien.

Das offizielle Motiv für den Angriff – die angebliche nukleare Bedrohung – hält keiner Überprüfung stand. Der Direktor der Internationalen Atomenergie-Organisation, Rafael Grossi, hatte erst kurz zuvor erklärt, es gebe kein iranisches Atomwaffenprogramm und keine unmittelbare Bedrohung. Und noch am Vortag des Angriffs meldete der omanische Außenminister, der seit Wochen zwischen Washington und Teheran vermittelt hatte, ein Friedensabkommen sei in Reichweite – Iran habe zugestimmt, seine Vorräte an angereichertem Uran auf das niedrigstmögliche Niveau zu senken. Dann fielen die Bomben. Nach demselben Schema verfahren die Ukrainer seit Jahren: Eskalationsschläge mitten aus laufenden Verhandlungen heraus – ein Lehrbeispiel in Sachen westliche Werte.

Dominik Steiger, Professor für Völkerrecht an der TU Dresden, war auf die Frage, ob der Angriff auf den Iran völkerrechtswidrig ist, im ZDF erfreulich eindeutig: „Die Antwort darauf ist ganz einfach: Nein, das durften sie nicht.“ Die UN-Charta kennt beim Gewaltverbot nur zwei Ausnahmen: Selbstverteidigung gegen einen akuten bewaffneten Angriff oder ein Mandat des Sicherheitsrats. Beides lag nicht vor. Die Behauptung einer möglichen künftigen Bedrohung genügt nicht. Wird sie heute als Kriegsgrund akzeptiert, sind morgen Präventivschläge auf bloßen Verdacht an der Tagesordnung. Es liegt auf der Hand, daß sich Washington und Tel Aviv eine solche Gangster-Weltordnung wünschen. Sie wäre gleichbedeutend mit permanenten Kriegen weltweit.

Unverkennbar ist die fortschreitende Demontage des Rechts und die damit einhergehende Barbarisierung. Spätestens nach dem Golfkrieg 2003 – aber eigentlich schon bei den Nürnberger Prozessen 1945/46 – wurde die Welt daran gewöhnt, Folter wieder als juristisches Mittel zu akzeptieren und damit hinter die Aufklärung zurückzufallen. Rechtswidrig und verbrecherisch waren die NATO-Überfälle auf Jugoslawien (1999), den Irak (2003), die westlichen Interventionen in Libyen (2011) und Syrien (2012). Seit Beginn des Gazakrieges 2023 wird die völlig rechtsfreie Kriegführung der Netanjahu-Regierung im Gazastreifen international weitgehend toleriert. Das Gewaltverbot, seit 1945 eines der fundamentalen Prinzipien der internationalen Beziehungen, wird vom moralisch bankrotten Westen einschließlich Israels nunmehr offen als Hindernis betrachtet und kurzerhand beiseitegeräumt.

Was besonders erschütternd ist: auch ein Großteil der Rechtskonservativen und vorgeblich „Aufgewachten“ bis weit ins AfD-Funktionariat hinein applaudiert dazu. Es ist nach Corona und dem Ukrainekrieg der nächste große Intelligenztest, an dem viele scheitern. Leider sind all die Schunkes, Tichys und Reichelts blind vor Islamhaß und verkennen völlig, was die Stunde geschlagen hat. Wenn sich jetzt das Faustrecht gegen das Recht durchsetzt, kann morgen jeder aus irgendeinem beliebigen Grund das nächste Opfer sein, und niemand wird danach krähen. Mit guten Gründen legt Alexander Dugin deshalb der russischen Führung nahe, sich nicht demselben Risiko auszusetzen wie die ausgelöschte iranische Spitze, und sich lieber selbst der amerikanischen Methoden zu bedienen: „Das heißt, wir könnten die militärische und politische Führung der Ukraine eliminieren und ohne Kostenbeachtung die Aufgaben der militärischen Sonderoperation lösen.“ Völlig korrekt. Nur Verrückte oder Verbrecher können solche internationalen Beziehungen wollen.

Europa und insbesondere Deutschland werden sich auf Turbulenzen einstellen müssen. Die Sicherheit Deutschlands und seiner Nachbarn, die allesamt militärisch impotent sind, beruht nicht auf Flugzeugträgern, sondern nur noch auf der Verbindlichkeit des Rechts. Fällt diese weg und provoziert eine an Dilettantismus nicht zu überbietende Narrenregierung wie diejenige unter Merz den Konflikt gleichzeitig mit Rußland, den USA und der islamischen Welt, stehen uns stürmische Zeiten ins Haus. Jeder unserer Nachbarn, etwa die Polen, erst recht Rußland, könnte völlig folgenlos einmarschieren und tabula rasa machen. Im besten Fall würde ein solches Szenario wenigstens das Ende des Regimes bedeuten.

Von den naheliegenden Folgen der amerikanisch-israelischen Verbrecherpolitik reden wir gar nicht erst. Der Ölpreis zog seit Samstag um 16 Prozent an, der Preis für LNG-Gas aus Katar um 45 Prozent. Am Dienstag hat Iran die Straße von Hormuz offiziell geschlossen. Wir werden einen Inflationsschub, vermutlich auch unterbrochene Lieferketten erleben, vielleicht Anschläge – schließlich macht Germany mit der Epstein-Koalition gemeinsame Sache. China hat den Export seltener Erden in die USA bereits gestoppt. Das Petrodollar-System – ohnehin unter Druck, seit der Dollaranteil an den globalen Devisenreserven von 71 auf 57,8 Prozent gefallen ist – verliert rasant weiter an Boden, was eine gute Nachricht ist. Die Integration des BRICS-Blocks wird unfreiwillig forciert: Chinas Interbanken-Zahlungssystem und die mBridge-Plattform, die digitale Währungskorridore zwischen China, den Emiraten, Saudi-Arabien und anderen Staaten eröffnet, sind voll funktionsfähig. Ihre Inbetriebnahme könnte vorgezogen werden und den Dollar weiter auf Talfahrt schicken.

Teheran wird den Krieg gegen die Verbrechermächte Israel und USA militärisch nicht gewinnen können. Das ist auch nicht die entscheidende Frage. Iran muß nur durchhalten, überleben und den Preis für USrael hochtreiben. Moralisch kann den Iranern schon jetzt niemand den Sieg nehmen: der greise Khamenei, der sich nicht evakuieren ließ und seinen Nachfolger offenbar bereits bestimmt hatte, ist zum Märtyrer geworden. Ein Märtyrer wiegt bei den Schiiten schwerer als ein Amtsinhaber. Der tote oberste Führer ist ein mächtiger Impuls, um das Land jetzt vor den Augen der Welt zusammenzuschweißen. Ohnedies ist eine handlungsfähige „Opposition“ weit und breit nicht zu sehen. Jeder Tag, an dem der Iran kämpft und nicht kapituliert, ist eine Niederlage für Washington.

Man lag in der Vergangenheit immer richtig, wenn man sich mit denjenigen solidarisierte, die von Medien, Transatlantikern und Israelfreunden bespieen wurden: Ghaddafi, Saddam Hussein, Assad, Corona-Leugnern, Russen, Putin sowieso. Im Kampf um das Selbstbestimmungsrecht souveräner Völker und eine gerechtere Weltordnung stehe ich seit langem an der Seite Irans. Ich war vor einigen Jahren dort und nahm an einer internationalen Konferenz in Mashhad teil. Ich lernte ein Volk kennen, das sich trotz der Sanktionen seine Lebensfreude, seine Gastfreundschaft und seinen Nationalstolz bewahrt hat. Heute bin ich mit meinen Wünschen und Gebeten bei ihm. Mit Gottes Hilfe beißt sich Satan am Land der Arier die Zähne aus.

Hinterlasse einen Kommentar