AfD im Modus der Selbstauflösung?

Eine Nachlese zu den bemerkenswerten Vorgängen der letzten Monate in der AfD:

Wir haben 2020 und angeblich viel #Corona. Was wir weniger haben, ist eine geeinte, parlamentarische Fundamentalopposition.

Eigentlich war die AfD mit tatkräftigen, couragierten und volksverbundenen Akteuren angetreten, in Deutschland den unangefochtenen Oppositionsführer zu stellen und wieder mehr vernünftige, nationale Interessen in den Parlamenten zu vertreten. Besonders eindrucksvoll gelang das bereits 2016, als die AfD Sachsen-Anhalt mit 24,3% als zweitstärkste Kraft den Landtag und die etablierte Politik durchwirbelte und im Kartell der Altparteien für blankes Entsetzen sorgte. Damit wurde das Tor aufgestoßen und der AfD standen bundesweit eigentlich blühende Zeiten bevor…

Heute, im Jahr 2020, finden wir allerdings eine AfD vor, die ihre Kraft mehr und mehr verliert, die innerlich tief zerrissen ist und ihre besten und erfolgreichsten Leute vertreibt. Ganz im Sinne des etablierten Systems natürlich.

Die AfD hat erfolgreiche Spitzenleute wie André Poggenburg, Doris von Sayn-Wittgenstein, Andreas Kalbitz u. a. auf die ein oder andere Weise verloren und beraubt sich damit geradezu selbstzerstörerisch eines großen Potentials. Andere Frontleute stehen wegen ominöser Ordnungsverstöße längst auf der Abschussliste, während sich die „Führungspersonen“ parteischädigende Spendenskandale und andere (M)Ausrutscher sanktionslos leisten können. Wie kann so etwas möglich sein und warum macht die Basis so etwas überhaupt mit?

Grundsätzlich gibt es dazu wohl vor allem drei Gründe:

  1. Die tiefe Spaltung in Deutschland zwischen Ost und West, die auch in der AfD deutlich widerhallt. Die mehrheitliche, westliche Mitgliederschaft möchte größtenteils eher bieder und angepasst etwas politische Veränderung im Land erreichen, die östliche Mitgliederschaft will endlich eine grundlegende nationale Reform und dabei auch mit veralteten Systemvorgaben brechen. Ein unüberwindlicher, selbstzerstörerischer Dissens? Augenscheinlich ja! Natürlich wieder ganz im Interesse des etablierten Machtgefüges. Vielleicht hat #Poggenburg, unter dem 2016 die AfD ihren erwähnten großen Durchbruch errang und der sich selbst als „national-reformistisch“ sieht, ganz Recht mit der These, dass die AfD und der parlamentarische Patriotismus nur noch durch eine friedliche Teilung der AfD in zwei Schwesterparteien – eine AfD-Ost und eine AfD-West – zu retten sei. Ähnlich äußerte sich auch die als national-konservativ geltende #Wittgenstein, die den Landesverband Schleswig-Holstein konsolidierte, in der AfD sehr beliebt ist und 2017 mit nur einer fehlenden Stimme knapp die Wahl zur Bundesvorsitzenden verfehlte.
  1. Ein Heer von Glücksrittern, Möchtegern-Patrioten und Auftragsstörern belagert und manipuliert die AfD. Eine junge Partei mit großem Potential zieht diese Art Leute natürlich magisch an. Leider wurde von Beginn an, gerade auch durch die Führungsinstanz, sträflich versäumt, innerhalb der Parteistruktur auf verschiedene Verhaltensmuster besonderen Wert zu legen. Ein bekannter Vertreter der AfD nannte diese einmal intern, völlig resigniert, ein „Rattenloch“.
  2. Die Schwäche und Naivität des (national-konservativen) Flügels ist sicherlich auch ein gewichtiger Grund. Nachdem dieser im Jahr 2015 durch Björn Höcke und André Poggenburg gegründet wurde, trat diese idealistische Interessengemeinschaft als Korrektiv innerhalb der Partei positiv und kämpferisch hervor. Man gab sich respektable Standards, die allerdings leider über die Jahre zunehmend verloren gingen, genauso wie eine klar erkennbare Zielsetzung. Mitte 2018 schied Mitbegründer Poggenburg dann mit ernsten, mahnenden Worten aus. Obwohl #Kalbitz, engagiert und gut vernetzt, sogleich nachrückte, war zu diesem Zeitpunkt der Zenit wohl bereits überschritten, der Flügel eben nicht mehr derselbe. Warum sich daraufhin der „Flügel“ in seltsame Kompromisse manövrierte und sich dubiosen Beratern auslieferte, bleibt vielen Außenstehenden ein Rätsel. Mit der Auflösung 2020 endete dann auch dieses Trauerspiel.

Eine sehr interessante Einschätzung gab dazu Jürgen Elsässer, Chefredakteur vom COMPACT-Magazin, in einem kürzlichen Video-Statement zur Aberkennung der Parteimitgliedschaft von Kalbitz. Dort fragte er, ob dieses Ereignis nicht auch selbst verschuldet in dem Sinne sei, dass der Flügel, dass Höcke, Kalbitz & Co. nicht früher ihre eigenen Mitstreiter hätten schützen müssen, bevor sie nun eben selbst an der Reihe sind.

Hätte es tatsächlich anders laufen können, wenn man Poggenburg, als einen erfolgreichen Hauptakteur des national-konservativen Lagers, nicht im Stich gelassen und sogar selbst mit vergrault hätte? Wenn man von Wittgenstein, ohne Wenn und Aber, Rückendeckung im Parteiausschlussverfahren gegeben hätte? Vermutlich und mit großer Wahrscheinlichkeit, ja!

Was bedeutet das wahrnehmbare Abschmieren, die sichtbare Selbstzerfleischung der AfD nun für das Land und die Bürger? Neben dem Schwund einer grundlegenden, oppositionellen Kraft, selbstverständlich erstmal einen enormen Vertrauensverlust in das Konstrukt Partei und damit in die freiheitliche Demokratie und den deutschen Parlamentarismus.

Ob sich nun die AfD irgendwie noch fängt oder eben auch diese Chance vertan sein wird, dürfte sich spätesten im Wahljahr 2021 zeigen. Vielleicht ist die Zeit aber auch reif, sich neu und anders zu organisieren, bspw. in außerparteilichen Gruppierungen wie dem Aufbruch Deutschland 2020 oder anderen Bürgerinitiativen.

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