Der französische Patient und wir

Der französische Patient und wir

Weder Jeanne d’Arc noch Charles de Gaulle können Frankreich retten, den beide sind schon lange tot. Auch der nächste Präsident dürfte das nicht schaffen. Denn die Lage in unserem wichtigsten Nachbarstaat ist dramatisch: Tiefgehende soziale Unzufriedenheit in großen Teilen der Bevölkerung, eine immer drückendere Schuldenlast, schwere Versäumnisse im Bildungswesen, ethnisch geprägte Unruhen mit kriminellen Gewaltausbrüchen, unüberbrückbare Gegensätze der politischen Fronten, arrogante Eliten des technokratischen Zentralstaats, der völlig gescheiterte Präsident Macron.

Selbiger Macron hat in seiner Fernsehansprache am Sonntag gejammert: „Wie konnten Franzosen das Frankreich antun?“ Abgesehen davon, dass Franzosen schon öfter in ihrer Geschichte sich nicht gescheut haben, ihrem Land und Landsleuten Schlimmes anzutun, offenbart diese Frage Ignoranz und Arroganz der herrschenden Schicht. Denn auch diese jubelt gerne mit, wenn ihre fast ausschließlich aus Spielern mit migrantischen Wurzeln bestehende Fußballnationalmannschaft siegt, hat aber alles dafür getan, Schwarze und Nordafrikaner in triste Vorstädte auszulagern.

Der dem Großkapital verbundene Macron gibt Unsummen für das Militär und die Atombewaffnung aus, um den ehemaligen Großmachtstatus des Landes nicht ganz zu verlieren. Den Preis dafür zahlen die sogenannten ‚kleinen Leute‘, die am Wochenende nach dem Aufruf der „Gelbwesten“ überall in großer Zahl auf die Straßen gingen. Sie haben weder gebrandschatzt noch geraubt, sondern der volksfernen Pariser Elite den Mittelfinger gezeigt: „Es reicht!“ Dieser Protest ist in der Berichterstattung der deutschen Systemmedien wie auch in den sozialen Medien fast unterschlagen worden.

So richtig es ist, die verabscheuungswürdigen Gewalttaten der schwarz vermummten Linksextremen und islamischen Vorstadtjugendlichen anzuprangern – das Versagen des gehobenen französischen Bürgertums ist für die Zukunft unseres Nachbarn folgenreicher. Denn die wahrscheinliche nächste Präsidentin Le Pen wird schon wegen der katastrophalen finanziellen Situation Frankreichs ein sehr unbequemer Partner Deutschlands und der EU werden. Aus Sicht der politischen Rechten hierzulande bietet das auch Chancen. Rücksichten sind allerdings von der resoluten Französin nicht zu erwarten, sie ist eine radikale Nationalistin.

Die erschreckenden Ereignisse im Nachbarland werden sich in absehbarer Zeit nicht im politisch trägeren Deutschland wiederholen. Doch ist keineswegs auszuschließen, dass in einigen Jahren auch ein deutscher Kanzler fragen wird: „Wie konnten Deutsche das Deutschland antun?“ Und wenn dieser Kanzler, was Gott verhüte, einer wie Friedrich Merz sein sollte, dann muss ihm geantwortet werden: „Es wurden gigantische Schulden gemacht, um gegen Russland kriegstüchtig zu werden. Doch es wurde viel zu wenig gemacht, um den inneren Krieg zu verhindern“.

Wolfgang Hübner

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