Bruderkrieg in Europa

Gastbeitrag von André Poggenburg, MdL a.D.

Was im Osten Europas nun mittlerweile seit über einer Woche geschieht, ist eine wirkliche Tragödie, in mehrfacher Hinsicht sogar.

So klar wie man das, was dort gerade passiert, auch als Krieg benennen muss, so deutlich sollte man auch darauf hinweisen, dass es dafür nicht nur einen Schuldigen, nicht einfach einen „Bösen“ gibt. Dieser Konflikt ist das genauso schreckliche wie logische Resultat eines langen Irrweges, der maßgeblich vom Westen eingeschlagen und vom Osten eben noch befeuert wurde.

Wer bei der Beurteilung und Bewertung des aktuellen Geschehens, dieses tragischen Bruderkrieges in Europa, die Geschichte der NATO-Osterweiterung und des damit einhergehenden Wortbruchs gegenüber den Russen, den seit 8 Jahren andauernden ethnischen Bürgerkrieg in der Ukraine oder die große Unlust des Westens an der Durchsetzung des Minsker Abkommens außer Acht lässt, der ist politisch extrem uninformiert oder einfach nur einseitig verhetzt.

Ein Tier, dass ständig weiter in die Enge getrieben wird, beißt irgendwann – so ähnliches heißt es im Volksmund – und genau das macht jetzt der russische Bär! Nach jahrelangen ergebnislosen Verhandlungen, unsinnigen Russlandsanktionen und völliger Ignoranz des Westens gegenüber dem Bürgerkrieg in der Ostukraine war doch klar, dass Russland irgendwann handelt würde und musste.

Und ja, Russland hat die Ukraine angegriffen und führt somit Krieg gegen einen souveränen Staat, da gibt es erstmal nichts schönzureden. Dass ist im Grunde nicht zu rechtfertigen, außer… man lässt dieselben Rechtfertigungsgründe gelten, die der Westen, die NATO, die „Koallition der Willigen“ etc. bei zahlreichen Angriffskriegen gegen ebenfalls souveräne Staaten innerhalb und außerhalb Europas auch regelmäßig für sich in Anspruch nahm. Auch diese Angriffskriege waren bekanntermaßen völkerrechtswidrig. Selbst wenn es, aus der Sicht des Westens natürlich, für diese Präventivschläge immer irgendeine moralische Begründung gab. Und wenn man eben einfach nur wieder einmal die Welt vor dem Bösen retten oder „die Freiheit Deutschlands am Hindukusch verteidigen“ wollte.

Ja, es klang damals genau so irre wie heute. Aber kein westlicher Kriegsbeteiligter wurde dafür je mit Sanktionen belegt, mit Schimpf und Schande oder einer enthemmten Hetze überzogen, wie es heute mit Russland geschieht.

Auch Russland nimmt für sich gesehen vermeintlich moralisch redliche Gründe in Anspruch, um diesen Einsatz zu rechtfertigen. Beginnend bei der dringend erbetenen Hilfe für Millionen Donbass-Russen bis hin zu durchaus berechtigten Sicherheitsinteressen einer Großmacht, die vor ihrer Haustür eben keine explosiven Experimente duldet und eine Pufferzone schaffen will. Übrigens genau so, wie das eine USA heute auch nicht dulden würde und in der Vergangenheit bereits radikal und konsequent in ihrem Interesse korrigierte!

Die eigentliche Tragödie, abseits geopolitischer Rechtfertigungen und Begründungen, ist aber der Umstand, dass zwei Völker, die sich als Nachbarn territorial, ethnisch und historisch im Grunde so nahestehen, heute bis aufs Blut verfeindet und im Kampf miteinander sind, wobei viele tausend Menschen sterben und unzählige Familien zerstört werden.

Dass man diese Entwicklung zugelassen und nicht verhindert hat, liegt schwer auf Europa und ich wiederhole, da gibt es nicht DEN EINEN Schuldigen! Allerdings gibt es schon den EINEN, dem das alles recht gelegen kommt. Vielleicht sollte man darüber mal in aller Ruhe nachdenken…

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